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Zorbas Tanz im Film
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"Zwar ist das Ballett ein Auftragswerk, gleichzeitig ist es mir aber auch ein wesentliches Anliegen. Seit langem wollte ich die hauptsächlichen Themen der Filmmusik zu einem größeren Werk, einer neuen Komposition erweitern, und ich hatte dabei auch das Ziel einer Ballettmusik vor Augen.
Erst aber als ich von der Leitung der Festspiele von Verona um diese Arbeit gebeten wurde, konnte ich mich endlich auf dieses mir wichtige Anliegen konzentrieren. ich habe sehr hart, fast ein Jahr lang, an der Struktur und der Gestaltung der Musik gearbeitet. Deshalb ist "Zorbas" ein für mein Schaffen sehr repräsentatives Werk geworden. Ich habe darin eine Vereinigung der drei hauptsächlichen Strömungen verwirklicht, die mein musikalisches Schaffen beeinflußt haben. Es sind dies die europäische Sinfonik, die griechische traditionelle Musik und die kretische Volksmusik.
Ich begann meine Karriere als europäischer, als westeuropäischer Komponist ernster Musik. Das war seit meiner Kindheit und Jugend, als ich durch den Rundfunk und die Schallplatte die Meisterwerke der klassischen Musik entdeckte, meine Wunschvorstellung gewesen. Am Athener Konservatorium wurde ich nach den Kriterien des klassischen Musikausbildung geformt. Nur diese Maßstäbe zählten. Sie hatten aber nichts mit unserer Volksmusik zu tun.
In Griechenland hatte und hat, zum Teil noch, jede Region ihre spezifische Musik, die einen ganz authentischen und eindeutig bestimmten Charakter hat und zu jedem Fest, jeder Kundgebung von allen neu erlebt wird. Die Musik aber, die man vor allem hörte, war die geistliche Musik der griechisch-orthodoxen Kirche, die byzantinische Musik. Ich war jeden Sonntag in der Kirche, und bei Volksfesten sah ich zu, wie die Menschen tanzten und ihren Gefühlen durch den Tanz und die Musik Ausdruck gaben. So nahm ich für mein späteres Leben sämtliche Strömungen der griechischen Musik in mir auf: die Musik der Kirche und die Musik der Straße, die Musik der Berge und die Musik der Inseln.
Ganz wurde diese Musik mir aber erst bewußt, als ich im Exil auf der Insel Ikaria lebte. Meine Leidensgefährten sangen dort die Lieder der Städte, und ich nahm die rembetischen Rhythmen in mir auf.
Später versuchte ich, sie mit sinfonischen Klängen in der Suite "Griechischer Karneval" (1948/9, Überarbeitung:1952) zu verbinden. Ich dachte damals, auf diese Weise verschiedene Musikwelten miteinander vereinen zu können und so eine neue, "klassische" griechische Musik schaffen zu können. Der Versuch war zum Scheitern verurteilt. Er erschien mir bald als das, was er war: ein Weg in eine Sackgasse.
Das thematische Material des Werke aber war mir zu kostbar, als daß ich es nicht hätte weiterverarbeiten sollen, nur brauchte ich auch dazu sowohl eine zeitliche Distanz als ein Wissen um meinen eigenen Weg und mein persönliches Schaffen.
Als ich die Gestaltung des Zorbas-Balletts in Angriff nahm, schien diese Zeit für mich gekommen: Ich habe dieses Material ganz in das Zorbas-Ballett eingebracht.
Dasselbe erfolgte mit der kretischen Musik. Ich hatte sie als Kind entdeckt, als ich in meines Vaters Elternhaus lebte. Sie wurde mir bewußt, als ich mich dort Anfang der fünfziger Jahre, von den Makronissos-Greueln erholte und an Dorffeierlichkeiten teilnahm: Taufen, Hochzeiten, Begräbnissen. Ich komponierte damals mein "Sirtos Chaniotikos" für Klavier und Schlagzeug. Wie der Titel es sagt, handelt es sich dabei um die Orchestrierung eines Sirtos-Tanzes aus der Ortschaft Chania. Themen daraus waren ebenfalls in den Film von Cacoyannis eingeflossen und wurden nun Bestandteile des Balletts.
Ich selbst war in meinem eigenen Schaffensprozeß endlich auch so weit, daß ich fähig war, die schöpferischen Elemente des westlichen sinfonischen Schaffens, der Rembetikomusik und der kretischen Volksmusik zu einer Einheit werden zu lassen. Dies geschah nun nicht mehr, wie ich es früher versucht hatte, indem ich sie ineinander aufgehen ließ und sie so ihre Identität verloren, sondern indem ich eine "Einheit im Widerspruch" verwirklichte, denn so fühle ich mich selbst. Ich bin gleichzeitig Europäer, Grieche, Kreter.
Ich lebe mit diesen Widersprüchen seit meiner Kindheit. Unser politisches Leben ist von diesen Widersprüchen geprägt - seit jeher. Meine Arbeit als Komponist fusste ständig drauf.
Mein kompositorisches Schaffen beruhte auf folgender Fragestellung: Wie konnte ich meine Bewunderung für die europäische Kultur, mit der ich mich schließlich doch nicht ganz identifizieren konnte, mit meinen griechischen und den spezifisch kretischen Wurzeln, für die es keine klassische Musiktradition gab, verbinden?
In all meinen Arbeiten drängte sich jeweils eine dieser Tendenzen nach vorne. Mein Schaffen war daher zu Beginn ausschließlich sinfonisch, ab 1959/60 wandte ich mich exklusiv der griechischen Musiktradition zu. Der Höhepunkt dieses Wirkens lag in der von mir erfundenen und so benannten "metasinfonischen Musik". Ich verstand darunter weniger die chronologische Verschiedenheit in bezug auf die sinfonische Musik, als den qualitativen Unterschied zwischen der westlichen und der neugriechischen Musik.
Ihren schönsten Ausdruck hatte ich ihr mit der Vertonung von "Axion Esti" des Nobelpreisträgers Odysseas Elytis und von "Canto General" des anderen Nobelpreisträgers Pablo Neruda verliehen.
Anfang der achtziger Jahre nahm ich dann im selbstgewählten Exil in Paris die Rückkehr zur sinfonischen Periode vor. Sie hat den Charakter der Erneuerung dadurch, daß ich die Musik durch neue Sensibilitäten, aber auch eine neue Erfahrung und eine neue Technik hindurchführte. Sie entsprach dem Bedürfnis, endgültig mit den klanglichen Modellen der Vergangenheit zu brechen und ihnen eine abschließende, definitive Form zu geben, indem ich meine jetzige Möglichkeiten ausnutzte, um mich von ihnen zu befreien und völlig frei mit den sinfonischen Werken so voranzukommen, daß sie das Werk, das ich mit "Axion Esti" und "Canto General" begonnen hatte, weiterentwickelten.
Dies war möglich, weil ich in mir selbst die damit verbundenen Widersprüche sozusagen beherberge. Mein Problem als griechischer Komponist besteht für immer darin, daß ich keine Vorgänger habe. Ich muß immer Formen aus dem Nichts erschaffen. Jedes Werk ist für mich gleichzeitig Suche und Erfüllung, Auflösung und Neuauftrag. So aber hebt sich die Kontradiktion auf, daß ich an einem Tage ein Volkslied komponiere, eine Woche später an einer Sinfonie arbeite und wieder sechs Monate danach eine byzantinische Messe schreibe.
Meine Musik zum Ballett "Zorba" ist daher so bedeutungsvoll für mich, daß ich sie sowohl als Suche, als Experiment ansehe und gleichzeitig als eine Antwort, eine Lösung. Sie stellt die von mir beanspruchte "Einheit im Widerspruch" vollkommen dar.
© Theodorakis in Gesprächen mit © Guy Wagner in Luxemburg, Paris, Verona, und im Vorwort zu "Mikis Theodorakis. Eine Biographie", Ed. PHI, Echternach, 1983. Das Vorwort wurde in der neuen Biographie: " Mikis Theodorakis. Ein Leben für Griechenland", Ed. PHI, Echternach, 1995, durch ein neues, eigens von Theodorakis geschriebenes, ersetzt.
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